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Reigoldswil: Eine anthropologische Untersuchung zweier Gräberfelder aus dem 7.-13. Jh

Trancik Petitpierre, Viera (2019). Reigoldswil: Eine anthropologische Untersuchung zweier Gräberfelder aus dem 7.-13. Jh. (Thesis). Universität Bern, Bern

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Abstract

Die Gemeinde Reigoldswil liegt im nordwestlichen Jurabogen der Nordwestschweiz auf einer Höhe von 420–545 m. ü. M. Diese mittleren Höhenlagen wurden nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches erst wieder ab dem 7. Jh. besiedelt. Umso erstaunlicher ist es, dass in Reigoldswil gleich zwei Gräberfelder dieser Zeitstellung angelegt worden sind, die auch archäologisch untersucht werden konnten. Zur anthropologischen Analyse gelangten aus dem Gräberfeld Bergli 97 Individuen und aus dem Gräberfeld Kilchli 198 Individuen aus insgesamt 156 Gräbern. Die Radiokarbondatierung (n = 46) erlaubt eine zeitliche Eingrenzung zwischen dem 7. und 13. Jh. für den Grossteil der Gräber, wobei im Kilchli die Bestatteten in zwei Gruppen (A und B) eingeteilt werden konnten, die sich aus Bestattungen vor und nach 1000 n. Chr. zusammensetzen. Das Gräberfeld Bergli wurde nach 900 n. Chr. wohl nicht mehr als Bestattungsplatz genutzt. Die Untersuchung der menschlichen Reste erfolgte morphologisch mit Hilfe etablierter Methoden (Grupe et al., 2015). Die Geschlechts- und Sterbealtersbestimmung, die Körperhöhen sowie allfällige krankhafte Veränderungen an den Knochen wurden aufgenommen. Gleichzeitig wurden 171 Knochen für die Analyse der stabilen Isotopenverhältnisse von Kohlenstoff, Stickstoff, Schwefel und Wasserstoff beprobt. Die Kollagenextraktion erfolgte nach den Methoden von Longin und Ambrose (Longin, 1971; Ambrose, 1990). Anhand der morphologischen Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass in beiden Gräberfeldern doppelt so viele Männer bestattet wurden wie Frauen. Die Altersverteilung der verstorbenen Individuen unterschied sich sehr stark zwischen den Gräberfeldern. Im Kilchli konnte für die beiden Stichproben A und B ein hoher Anteil an Kinderbestattungen, insbesondere an Säuglings- und Kleinkinderbestattungen belegt werden. Die Frauen und Männer dieser Fundstelle wurden tendenziell auch älter als im Bergli. Die Körperhöhen der Individuen aus der Teilgruppe Kilchli A zählten zu den höchsten in Reigoldswil, sowohl für die Frauen wie auch für die Männer. Die Stressmarker Cribra orbitalia und porotische Hyperostose wurden gleich häufig an den Kindern der Stichproben A und B angetroffen wohingengen periostale Reaktionen vor allem an den Langknochen aus der Teilgruppe B festgestellt wurden. Die Gelenkbelastungen der Männer aus dem Bergli und Kilchli A waren sich sehr ähnlich und seitlich ausgewogen, wohingegen die Männer aus dem Kilchli B ein einseitiges Belastungsmuster zeigten. Das Gelenkbelastungsmuster der Bergli-Frauen ähnelte demjenigen der Frauen aus Kilchli B. Somit übten die Frauen der Gruppe Kilchli A andersartige Bewegungsabläufe aus. In allen drei Stichproben der Frauen waren einseitige Belastungen feststellbar. Die Kariesintensität war relativ hoch, wobei die Bergli-Individuen am geringsten und diejenigen der Teilgruppe Kilchli B am höchsten betroffen waren. Die Individuen aus dem Gräberfeld Bergli wiesen doppelt so viele periapikale Prozesse auf. Die Ernährungsstrategien konnten über die Analyse der Kohlenstoff- und Stickstoffisotopenverhältnisse untersucht werden. Die Unterschiede zwischen den erwachsenen Individuen beider Fundstellen und zwischen den Teilgruppen waren minim und wenig signifikant ausgebildet. Der Trophiestufeneffekt musste für alle drei Stichproben als gering angesprochen werden. Unterschiede in den Schwefelisotopenverhältnissen zwischen den Männern und Frauen wie auch den Kindern waren signifikant in den Testgruppen Kilchli A und B. Die Wasserstoffisotope aller Individuen deckten ein grosses Spektrum ab und wiesen einem Teil der Individuen beider Gräberfelder eine Herkunft rheinabwärts aus dem Oberen Rheingraben zu. Die Untersuchung des menschlichen Skelettmaterials lieferte einige Hinweise darauf, dass im Kilchli während des 8. Jh., wie von der Archäologie postuliert, eine neue Welle der Besiedlung stattfand. Zwei der frühesten Bestattungen zeigen hier noch lokale Wasserstoffisotopenverhältnisse, die bei den später datierten Individuen nicht mehr angetroffen werden konnten. Die These, dass sich im Kilchli vor der Jahrtausendwende eine wohlhabende Familie niederliess, konnte aufgrund der anthropologischen Untersuchung nicht verworfen werden. Einige Unterschiede zwischen den beiden Gruppen Bergli und Kilchli A, wie in der Körperhöhe oder im Gesundheitszustand, könnten für eine soziale Differenzierung sprechen. Sie sind aber statistisch nicht signifikant. In der geographischen Herkunft scheinen sich die Individuen beider Gräberfelder kaum zu unterscheiden.

Item Type: Thesis
Dissertation Type: Single
Date of Defense: 20 February 2019
Subjects: 900 History > 940 History of Europe
Institute / Center: 06 Faculty of Humanities > Department of History and Archaeology > Institute of Archaeological Sciences
Depositing User: Hammer Igor
Date Deposited: 06 Oct 2020 10:26
Last Modified: 27 Oct 2020 07:49
URI: https://boristheses.unibe.ch/id/eprint/2236

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